Eine Buchreihe

Mehrere Autor:innen
Unterschiedliche Genres
Jede Menge Tauschgeschichten 

Idee von Sina Land

Tauschgegenstand

Vierzehntägig stellt das GAMBIO-Team 
auf unserem Instagram-Account projekt.gambio 
einen Tauschgegenstand zur Verfügung.

Wer Lust hat, kann gerne eine Tauschgeschichte schreiben und sie auf eurem Instagram-Account einstellen. Bitte vergesst dabei nicht uns  @projekt.gambio zu markieren, damit wir eure Geschichten auch mitbekommen.

Vorgaben:

Der  Tauschgegenstand wird in einer Kurzgeschichte getauscht.

Manchmal gibt es noch eine Zusatzaufgabe.

Tauschgeschichten

Aus der Feder unserer GAMBIO-AUTOR:INNEN

Tauschgegenstand

Häkelnadel

Gegen was wird getauscht?

GAMBIO-SONG

 

1)

Kennt ihr den perfekten Tausch
Hattet ihr schon diesen Rausch
Sich ohne Geld zu versorgen
Ohne was von der Bank zu borgen

Der Gedanke fasziniert uns alle
Die GAMBIANER in jedem Falle
Getauscht wir die Rose gegen den Wein
Oder auch den Tod gegen das Sein

Tauschgeschichten schreiben wir
Darum sind wir zusammen hier
Das Team mit den Tauschgedanken
Bringt die alten Hüte ins Schwanken

2)
Wir tauschen alte Kravattennadeln
Gegen fünfer Häckelnadeln
Die verschimmelte Lust auf Bier
Mit Blümchen-Toilettenpapier

Oder die knarzende Kaffeemühle
Gegen eine medizinische Kanüle
Und den alten Sofasessel
Mit einer tauben Nessel

Tauschgeschichten schreiben wir
Darum sind wir zusammen hier
Das Team mit den Tauschgedanken
Brint die alten Hüte ins Schwanken

3)
Etwas, das ich nicht kenne
Gegen eine intakte Funkantenne
Oder eine Packung Kinderriegel
Und ein uraltes Briefe-Siegel

Vielleicht ein altes Eisen
Mit einer Woche verreisen
Lieber einen Käsekuchen
Anstatt eine Runde Fluchen

Tauschgeschichten schreiben wir
Darum sind wir zusammen hier
Das Team mit den Tauschgedanken
Bringt die alten Hüte ins Schwanken


Tauschen... 
Hat große Leidenschaft
Und dazu extreme Kraft
Ist nachhaltig und modern
Von nah und auch von fern

Ist sparsam und nicht belastend
Oft auch sehr überraschend
Medizin gegen konsumierten Rausch
Vorwand für'nen kleinen Plausch

Balsam für die Seele
Und die trockene Kehle
Ist Freundschaft ohne Bekanntschaft
Leidenschaft ohne Verwandschaft

Ist Lächeln ohne gespielten Witz
Ist Hochgefühl ohne Schleudersitz
Drama ohne stückiges Theater
Besäufnis ohne lähmenden Kater

Ein Hochsitz, wenn auch ein knapper
Ist Aufschwung ohne Geklapper
Am besten aber ist dabei
Man ist jederzeit völlig frei

Tauschgeschichten schreiben wir
Darum sind wir zusammen hier
Das Team mit den Tauschgedanken
Bringt die alten Hüte ins Schwanken

© Text von Sina Land

Sina Land (sina-land.jimdofree.com)  

Tauschgegenstand

Charityaktivitäten

Gegen was wird getauscht?

Volksnähe

 Manchmal sehnt sich Frau Silvia nach Volksnähe. Deshalb schlendert sie jedes Jahr, quasi inkognito, übers Oktoberfest. Natürlich im Designerdirndl und mit der obligaten Ray-Bay-Sonnenbrille im Haar. Vor einer riesigen Fontaine bleibt sie stehen. Erst auf dem zweiten Blick erkennt sie, dass sich in deren Mitte eine Art „Freefalltower“ befindet. Besser gesagt, sie hört das Gekreische, als die Fontaine mitsamt Fahrgeschäft in die Tiefe stürzt und kurz vorm Bassin mit einem abrupten Bremser aufgefangen wird. 

Frau Silvia entfährt gerade ein „Huch“, als sie ein lederbehoster Typ von der Seite anlallt, der aussieht, als hätte er einen Jesus-look-a-like-Wettbewerb gewonnen: „Na du Schnecke, wie wär`s mit einem heißen Ritt im Jungbrunnen?“ Mit einem satten Rülpser, will er sie Richtung Eingang ziehen. Schon landet Silvias Fucci-Tasche in seinem Gesicht. „Jetzt hör mir mal gut zu, du Jungspund. Bevor ich mit einem besoffenen Toyboy in Jesuslatschen in einen Jungbrunnen steige, betrete ich lieber ein Kloster und tausche freiwillig meine Charityaktivitäten gegen ein Schweigegelübde.“ 

Anja Ziegler(anja-ziegler.com) 

Tauschgegenstand

Medaillon

Gegen was wird getauscht?

Das Medaillon 

 

Arthur stand oben auf dem schmalen Felsen und klammerte sich verzweifelt an den Sims, auf dem nur seine Füße Platz fanden. Kleine Steinchen bröckelten von der Kante ab und fielen nach unten, lautlos, ohne ein Geräusch zu verursachen. Mit Panik im Blick sah er in den dunklen Abgrund unter seinen Füßen. Wie tief mochte es hier hinabgehen? Hundert Meter, Tausend Meter? Er wusste es nicht. 

Der Sturmwind zerrte an seinen Haaren und an seinem samtenen Mantel, der nur lose an ihm hing. Seine Hand griff zitternd nach dem magischen Kristall an seiner Brust. Wie um Himmels willen war er hierher geraten? Noch vor ein paar Minuten hatte er auf dem Hof gestanden, unter seinen Mitschülern. Sie hatten gelacht und gestritten und über den Unterricht bei Magister Hohenlohe gesprochen. Dabei verglichen sie stolz ihre magischen Medaillons, die der Magister ihnen heute überreicht hatte. 

Seins war violett und schimmerte golden. Ein magisches Leuchten drang aus seinem Inneren. Jeder Zauberschüler bekam im dritten Lehrjahr ein persönliches Medaillon überreicht. Er verstärkte die Zaubersprüche und diente auch zum Reisen durch die Portale. Aber irgendetwas war schiefgegangen. Hatte er es zu lange betrachtet? Hatte er es zu fest gerieben? Arthur wusste es nicht. 

Es krachte und neben ihm rollte ein Fels den Abhang hinunter. Er drückte sich noch enger an die Wand. Sein Atem ging flach und Schweiß stand auf seiner Stirn. Mit zitternden Händen hielt er das Schmuckstück um seinen Hals fest. Plötzlich spürte er seine Wärme. Es begann zu leuchten. Der Lichtschein kroch durch Arthurs Finger und erhellte den Sturm. 

„Bring mich hier runter. Du hast mich hier hochgebracht. Jetzt sorg dafür, dass ich hier wieder wegkomme!“, stieß Arthur in seiner Panik hervor. Er schloss die Augen und hielt inne, als er ein tiefes Rauschen hörte. Mächtige Flügelschläge. Immer stärker. Was hatte er heraufbeschworen? Vorsichtig blinzelnd ,versuchte er die Quelle des Geräusches zu erkennen. 

Vor ihm schwebte ein Drache. Er war nicht groß, etwa so groß wie ein Pony. Giftgrün, mit roten, feurigen Augen und großen, kräftigen Flügeln. Dampf kam aus seinen Nüstern. Auf dem Drachen saß der Magister. 

„Keine Angst, Arthur“, rief er gegen den Wind. „Ich bin bei dir.“ Der Magister sprang geschickt vom Rücken des magischen Tieres und landete neben ihm auf dem Sims. 

„Gib mir deinen magischen Kristall. Wir tauschen. Ich helfe dir auf den Drachen. Ibrahim bringt dich sicher zurück zur Schule!“, forderte er Arthur auf. 

„Und Sie, Magister? Was wird aus Ihnen?“, fragte Arthur, als er schon auf dem Drachen saß. 

„Ich habe dein Medaillon und ich weiß, wie ich ihn verwenden kann!“, war die lachende Antwort. „Wir sehen uns im Unterricht!“ Arthur nickte ihm zu, schlang die Arme um Ibrahim und kurz darauf landeten sie auf dem Hof. Seine Mitschüler umringten ihn staunend. Würde er sein Medaillon zurückbekommen? 

A.T.Wolter(@lieblingsbuch.byandra)

Tauschgegenstand

Osterei

Gegen was wird getauscht?

Dürfen Osterhasen Kopfhörer tragen?

 „Mamaaa, ich muss los!“ Aufgeregt schnalle ich mir das prall gefüllte Osterkörbchen auf den Rücken und hüpfe von einer Hasenpfote auf die andere. Heute geht mein Wunschtraum in Erfüllung. Ich habe meine Schule beendet und bin ab sofort ein echter Osterhase. Schnell nehme ich noch meine Kopfhörer vom Regal, denn bei der Eierverteilung möchte ich die neuste Single der „Rabbits“ hören, – der angesagtesten Hasenband weit und breit. Doch meine Mutter sieht mich mit gerunzelter Stirn an: „Osterhasen müssen stets aufmerksam sein, um nicht entdeckt zu werden und dürfen keine …“ Den Rest ihrer Worte kann ich nicht mehr hören, denn ich habe bereits meine Kopfhörer aufgesetzt und hopple Richtung Menschensiedlung davon. 

 

Ich weiß natürlich, dass man als Osterhase weder Ohrenstöpsel noch Kopfhörer tragen darf. Schließlich sind wir Fluchttiere und müssen jederzeit bei Gefahr reagieren können. Aber was soll schon passieren? Mama ist manchmal ein richtiger Angsthase. 

 

Mit einem riesigen Sprung hüpfe ich über eine Gartenmauer und mache mich daran, die Eier zu verteilen. Ich bin gerade dabei, einige besonders hübsch verzierte unter einen Haufen Holzscheite zu schieben, als ich plötzlich zwei Kinderfüße direkt neben mir im Gras bemerke. O nein! Ich wurde ertappt! Rasch versuche ich, unter den Holzhaufen zu kriechen, doch ich bleibe mit dem Eierkörbchen hängen und stecke fest. Alles Zappeln und Strampeln hilft nichts[DS1]  – ich komme weder vor noch zurück. Auf einmal zieht jemand an meinen Hinterläufen. Mit einem Ruck werde ich wieder auf den Rasen befördert. Ein kleines Mädchen kniet neben mir und scheint genauso aufgeregt zu sein wie ich. Vorsichtig schiebt es meine Kopfhörer ein Stückchen zur Seite und flüstert in mein linkes Ohr: „Ich habe noch nie einen Osterhasen gesehen." Dann steckt es zwei Möhren und einige Löwenzahnblätter in mein Osterkörbchen. „Für dich“, sagt es leise, „zum Tausch für die schönen Ostereier.“  

Mir fällt ein Stein von meinem Hasenherzen. 

 

Siehste, Mama, Kopfhörer tragen ist völlig ungefährlich.

Petra Baar (albertundmimi.de) 

Tauschgegenstand

Gedanken

Gegen was werden sie getauscht?

Ein Ohrwurm begleitete ihn seit Tagen.

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?

„Ich kann es“, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf.

Erschreckt hielt er inne. Hatte er sich das nur eingebildet?

„Nein. Du hörst mich wirklich. Ich spreche zu dir. In deinen Gedanken.“

„Wer bist du?“

„Du würdest es mir ja doch nicht glauben.“

„Was willst du von mir?“

„Ich möchte tauschen.“

„Was denn?“

„Gedanken.“

„Gedanken tauschen? Wie soll denn das gehen?“

„Ich nehme von dir all das, was du über dich denkst und gebe dir dafür das, was ich über dich denke. Bereit?“

„Nein!“

Doch zu spät. Es zog und zerrte, als seine Gedanken entfernt wurden. Gleichzeitig jedoch flutete Licht seine Gedanken. Es schickte ein Kribbeln durch seinen ganzen Körper. Ließ ihn grinsen und frei atmen, als hätte er noch nie richtig geatmet. Kein Schatten hatte mehr Platz. Keine Zweifel. Keine Unsicherheit. In den Gedanken des anderen erkannte er seine Einzigartigkeit und Stärke. Seine Talente und all die Liebe in ihm. Ein Leuchten erfüllte ihn und ließ ihn nicht mehr los. Glücklich ging er seinen Weg weiter. Getragen von einem Strahlen, das ihn nun nie mehr verließ.

Tauschgegenstand

Konfetti

Gegen was werden sie getauscht?

Partners in Crime

„Hier sind die Ohrringe. Wo sind die Briefe?“

Durch dieses Geschäft würde seine bald Ex-Frau keinen Cent von ihm kriegen. Mit ihren Liebesergüssen an ihren Lover wäre er in der Lage, vor Gericht ihre Untreue zu beweisen. Dass ihn selbst während ihrer gesamten Ehe verschiedene Betthäschen bespaßt hatten, musste ja niemand wissen.

Um an diese beweisträchtigen Briefe zu kommen, gab er gerne die Brilliant-Ohrringe her, die er bei seiner Noch-Ehefrau einkassiert hatte. Sie waren ohnehin kein Geschenk von ihm, sondern von ihrem Liebhaber. Zum Glück hatte er vor Kurzem die Stiefschwester dieses Ehebrechers kennengelernt. Schnell war deutlich geworden, dass sie ihren Bruder hasste. Der Deal war perfekt.

Gierig riss sie ihm das Schächtelchen mit den Ohrringen aus der Hand und betrachtete den Schmuck ausgiebig. Im nächsten Moment kündigte eine Straßenbahn ihre Ankunft unter lautem Geklingel an. Mit einem zufriedenen Nicken steckte die Stiefschwester ihre Beute in die Tasche und zog einen prallgefüllten wattierten Umschlag heraus, übergab ihn, drehte sich um und hechtete in die abfahrbereite Bahn.

Verdutzt sah er ihr nach. Als sein Verstand endlich die Situation erfasste, fummelte er hektisch an der Umschlagslasche. Bitte nicht! Hatte er die Situation so falsch eingeschätzt? Und warum in drei Teufels Namen ging dieser Umschlag nicht auf? Wenn dieser nicht die Briefe beinhaltete, hatte er soeben sein letztes Beweisstück gegen seine Frau aus der Hand gegeben.

Verzweifelt zurrte und zerrte er. Schließlich riss der Umschlag entzwei und eine Fontäne Konfetti ergoss sich über ihn. 

Donata Schäfer (texthueterin.de) 

Tauschgegenstand

Luftballons

Gegen was werden sie getauscht?

Ballontausch

Langsam schlendere ich die Einkaufsstraße entlang. Heute ist kaum jemand unterwegs und ich habe noch keinen einzigen Ballon verkauft. Freundlich lächelnd halte ich den Vorüberziehenden meine Ballontraube entgegen und hoffe, dass irgendein Käufer dabei ist. Schließlich brauchen wir das Geld. Da klingelt mein Telefon. Unbekannte Nummer. Wer kann das sein? Oh nein, das Krankenhaus! Das Baby! Jetzt schon? Es sind doch noch drei Wochen. Was jetzt? Mist! Ich muss sofort los, das Krankenhaus ist am anderen Ende der Stadt. Aber ich habe heute noch nichts verdient, ich kann mir keinen Busfahrschein leisten und ein Taxi erst recht nicht. Plötzlich hab‘ ich die rettende Idee. Ich springe zum Taxistand und spreche einen Fahrer an. „Für eine Fahrt zum Südstadtkrankenhaus, bekommen Sie alle Ballons!“ Der Taxifahrer schüttelt den Kopf. „Was es heutzutage alles gibt! So ein schräger Vogel.“ Er steckt sich eine Zigarette an und ignoriert mich einfach. Mir wird übel, vielleicht ist meine Idee doch nicht gut? Verzweifelt laufe ich weiter. „Bitte, ich brauche dringend ein Taxi zum Südstadtkrankenhaus, meine Frau bekommt ein Kind. Ich habe kein Geld, aber ich tausche meine Ballons gegen die Taxi Fahrt.“ Der Fahrer lächelt. „Steig ein, meine Kinder werden diese Geschichte lieben – und die Ballons!“ 

Nathalie Groß (nathaliegross.de

Tauschgegenstand

Das alte Leben

Gegen was wird es getauscht?

Ungarische Tänze

 

In seinem zerschlissenen Mantel steht er in der Fußgängerzone.
Aufrecht, mit wildem Bart, den Mantelkragen hochgeschlagen, als Schutz gegen die Kälte des Nieselregens.
Grau ist nicht nur der Himmel, grau sind auch die Gesichter der Vorbeieilenden, ausgeblichen von der Eintönigkeit des Alltags, farblos von der fehlenden Sonne. Gräulich ist auch sein Hut, den er sorgsam vor sich abgestellt hat. Er vermisst seine Heimat, das Essen, die melodiöse Sprache. Hier versteht er kein Wort. Niemand sieht ihn an. Aber es musste sein, wenigstens für den Sommer musste er flüchten. Er hebt seinen Arm und setzt den Bogen an. Brahms, Ungarische Tänze.

 Ina Arnold (sprichfuermich.de) 

Tauschgegenstand

Eine alte Münze

Gegen was wird sie getauscht?

Schokolade?

 

Piet kaut genüsslich auf der köstlichen Schokolade, als sein Papa aufgeregt ins Zimmer stürmt.

„Hast du meine Zwei-Pfennig-Münze gesehen?“

Den Mund voller Schokolade kann Piet kaum antworten. „Meinst du das schwarz angelaufene Ding, das du in den schicken Rahmen gepackt hast?“, nuschelt er.

Sein Papa nickt.

Stolz reckt Piet die Brust vor. „Ist dir aufgefallen, dass beim Wort Pfennig das F fehlt und dort nur Pennig steht?“ Er lacht. „Gestern waren zwei dämliche Typen hier, die haben für die Münze vier Tafeln Schokolade geboten. Die haben nicht mal gemerkt, dass das Wort falsch geschrieben war. Ich hab getauscht … Schokolade?“


 Gerd Schäfer (gerdschaefer.com) 

Tauschgegenstand

Eiskratzer

Gegen was wird er gestauscht?

Der Eiskratzer

 

Ein Eiskratzer! Zum sechsten Mal hatte ich an der Frühjahrstombola des örtlichen Kaufhauses teilgenommen und zum sechsten Mal einen Eiskratzer gewonnen – und das im Frühjahr. Ich war versucht, das blöde Ding einfach wegzuwerfen, aber letztlich steckte ich ihn doch in meine Tasche. Immerhin hatte ich für das Tombola-Los bezahlt und damit indirekt für den Eiskratzer.

Während meiner Überlegungen schlenderte ich den Weg zu meiner Wohnung entlang, als ich einige Meter vor mir einen Mann sah, der sich verzweifelt bemühte, die Hinterlassenschaften seines Hundes vom Gehweg zu entfernen. Wie praktisch, dass ich ohnehin in diese Richtung laufen musste, so konnte ich mir den Kerl etwas genauer ansehen. Von weitem hatte ich ihn schon öfter gesehen, da er hier anscheinend regelmäßig mit seinem Hund spazieren ging. Bislang war er jedoch immer zu weit entfernt gewesen, um ihn von Nahem anschauen zu können.

Mir gefiel was ich sah, auch wenn die Situation fast schon komisch wirkte. Die Hinterlassenschaft seines Hundes war recht weich ausgefallen, so dass er Schwierigkeiten hatte, diese einzusammeln. Plötzlich kam mir eine Idee.

»Ich denke, mit einem Eiskratzer würde es leichter gehen«, wandte ich mich an den Mann, als ich nur noch vier Schritte von ihm entfernt war. »Zufällig habe ich gerade einen dabei«, sagte ich mit einem verschmitzten Lächeln und hielt ihm den Tombolapreis vor die Nase.

Erstaunt blickte er auf. »Ja, das ist eine gute Idee.« Er stutzte, dann fragte er leicht misstrauisch: »Aber was möchten Sie dafür?«

»Ich tausche den Eiskratzer gegen eine Tasse Kaffee und Ihre Begleitung, während ich diesen trinke«, platzte es förmlich aus mir heraus.

Der Mann nickte ernst. »Das lässt sich einrichten. Allerdings müsste ich Ihnen den Kaffee bei mir zuhause aufbrühen, da ich kein Geld dabei habe.«

Das lief doch besser als geplant, dachte ich und drückte ihm zum Zeichen meines Einverständnisses den Eiskratzer in die Hand. Damit war das Malheur schnell behoben und wir gingen zusammen zu ihm.

 

Es war der beste Tausch meines Lebens – nein der zweitbeste. Der beste kommt morgen, wenn wir vor dem Standesbeamten die Ringe tauschen.

Tauschgegenstand

Sitzkissen

Es soll gegen Ohropax getauscht werden.

Gut getauscht ist doppelt gewonnen 

Ich stehe an der Bar und kippe den gefühlt dreißigsten Eierpunsch in mich hinein. Wohlgemerkt die bleifreie Variante, denn ich trinke keinen Alkohol. Während das papsüße Zeug meinen Gaumen und bald auch meine Arterien verklebt, werfe ich einen Blick in die Runde und mache drei Kreuze, das dem so ist. Unsere Firmenweihnachtsfeier ist jedes Jahr ein Albtraum und man kann beinahe die Uhr danach stellen, ab wie viel Uhr die Abstürze beginnen. Auch jetzt sehe ich schon wieder unzählige Kollegen und Kolleginnen, deren unkontrollierte Motorik signalisiert, dass eigentlich schon alles zu spät ist. Ich wende mich ab und drehe verdrießlich das kleine Kästchen in den Händen. Wir wichteln jedes Jahr. Das ist Firmentradition. Egon aus der Buchhaltung hat mich diesmal gezogen, der alte Knauser. Warum er mir ausgerechnet wiederverwendbare Ohropax geschenkt hat, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben. Still grolle ich vor mich hin. Meine selbstauferlegte Grinch-Stimmung wird unterbrochen, als Jasmin sich zu mir an die Bar gesellt. Sie ist eine meiner liebsten Arbeitskolleginnen. Immer gut gelaunt, ein Lächeln auf den Lippen, aber nie laut, überdreht oder aufdringlich. Sie bestellt sich einen Caipi und prostet mir zu. Ich erwidere den Gruß. Ihr Blick fällt auf das Kästchen. „Was hast du denn bekommen?“, fragt sie neugierig. „Ohropax“, knurre ich, nehme einen Schluck Punsch und verziehe das Gesicht. „Und du?“ „Ein Sitzkissen.“ „Toll.“ Wir müssen beide grinsen. „Ja das hab ich auch gedacht.“, kommentiert sie und nippt an ihrem Caipi. „Dabei hab ich doch gerade erst den superbequemen Bürostuhl genehmigt bekommen. Wenn ich jetzt mit dem Sitzkissen auflaufe, halten mich noch alle für die Prinzessin auf der Erbse.“

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Meine Gedanken driften zu meinem alten Stuhl, dessen Polster fast durchgesessen ist und der in allen Verbindungen knarzt. Jasmin hat mich schon unzählige Male damit aufgezogen. Ich sehe sie an, sie blickt zurück, dann bricht es aus uns beiden heraus: „Lass uns tauschen!“ Wir sehen uns beide kurz perplex an, dann fangen wir an zu lachen. Als ich den Eierpunsch in meinem Bauch genug durchgerüttelt habe, reiße ich mich zusammen und werde wieder ernst. Jasmin kichert immer noch vor sich hin. „Also ich weiß, wofür ich dein Sitzkissen gebrauchen kann, aber was zur Hölle willst du mit meinem Ohropax?“, frage ich verwirrt. „Diese Demonstration lässt bestimmt nicht lange auf sich warten“, erwidert sie kryptisch. Sie kichert wieder, schnappt sich das Kästchen aus meinen Händen und drückt sich die Pfropfen in die Ohren. Bestimmt kann sie mir die Fragezeichen in meinen Augen ansehen, denn Jasmin lacht schon wieder schallend. Ihr Blick streift den Tisch mit ihrer Abteilung, von dem sich gerade ihre Vorgesetzte erhebt. Die schwankt leicht und holt tief Luft. „JASMIII-HIIIIIEN“, der Vorname wird ungelogen bald auf eine Minute Länge gezogen. „Bringst du mir noch einen CAIPIIIIIIIIII mit?“, quietscht sie im Ton von Fingernägeln auf einer Kreidetafel quer durch den Saal. Kurz ist alles still, ehe sich die Leute von dem Schreck erholt haben und weiter palavern. Jasmin nickt in Richtung ihrer Chefin und sieht mich dann an. Sie holt die Pfropfen wieder aus den Ohren. „Verstehst du es jetzt?“ ,versetzt sie trocken. „Ich bring dir das Kissen morgen früh vorbei.“ Lachend prostet sie mir erneut zu, schnappt sich das Getränk für das Stimmwunder und lässt mich sprachlos mit offenem Mund und einem innerlichen Lachen zurück.

Guido Ewert (ewertibkube.de) 

Tauschgegenstand

Sitzkissen

Es soll gegen Ohropax getauscht werden.

Head of the demon 

„Eine echte Zumutung!“, brülle ich nach rechts zu meinem Kumpel Joachim, durch die wummernden Bässe. Grelle Lichtblitze blenden meine Augen im Blastbeat 4/4-Takt, während der Sänger unartikuliert ins Mikro krächzt, unterbrochen von ekstatischen Schreien. Die Riffs der Gitarren sind im relativ simpel und wiederholen sich hypnotisch.

Durch die extreme Einstellung der Verzerrer der elektroakustischen Gitarrenverstärker entsteht eine Art Rauschen, purer Black Methal Sound.

Joachim fuchtelt mit dem Arm, er könne keine Silbe von mir verstehen. Ich gebe es auf, keine Chance, gegen den Krach anzubrüllen. 

Ich wollte unbedingt die Sitzplätze in der VIP-Lounge ganz vorn. Die Ohropax nützen hier gar nichts. Meine Gehirnwindungen wummern ständig gegen die Schädeldecke, dass es weh tut. 

Das Konzert soll 2 ½ Stunden dauern. Ich rutsche auf meinem Plastikstuhl hin und her. Ich halte es keine weitere Minute mehr aus. Wenn ich jetzt aufstehe, werden mich die anderen Gäste von hinten niederschlagen, bin ich mir sicher.

Joachim war cleverer als ich, er hat sich ein Sitzkissen mitgenommen. Ich habe ihn ausgelacht: „Alter, wir haben schweineteure VIP-Tickets, da wird es ja wohl vernünftige Sitzplätze geben.“ Er hat nur gegrinst. Es ist nicht sein erstes Live-Konzert. 

Ich stoße Joachim meinen Ellbogen in die Seite. Zeige ihm mit den Armen, dass ich nicht mehr kann und bereit bin, das Konzert abzubrechen. Er schaut mich kurz an, dann zeigt er auf sein Sitzkissen, deutet auf meine Ohren und schlägt einen Tausch vor. Ohropax gegen Sitzkissen. Ich nicke heftig mit dem Kopf, ich spüre schon meinen Hintern nicht mehr. Die Ohropax sind ein fairer Tausch!

Jetzt kann ich endlich das Konzert genießen.

 Ingo M. Ebert (ingo-m-ebert.de)

Tauschgegenstand

Rasenmäher

Er soll auf einer Bootstour getauscht werden.

Mein kleiner grüner Robbi

 

„Mein kleiner grüner Robbi, der mäht auf dem Balkon. Hollari, hollari, hollaro!“

Vergnügt sang die Raumboot-KI ihr Lieblingslied, während sie die Touristengruppe auf der Tour „7 Systeme in 3 Tagen“ von Sonne zu Sonne, von Planet zu Planet flog, damit diese ihre Fotos und Social Media Posts machen konnten.

„Wer hat dir denn das beigebracht?“ Bryn, die einzige menschliche Pilotin an Bord, runzelte die Stirn. 

Prompt kam die Antwort. „Ich habe keinen Zugriff auf spezifische Informationen darüber, wann oder von wem ich eine bestimmte Information gelernt habe. Ich habe nicht die Fähigkeit, die Quellen meines Wissens nachzuverfolgen.“

„Ok ok ok! Ich wollte nur sagen - das mit dem Rasenmäher stimmt so nicht. Was kann ich tun, um dein Wissen zu korrigieren?“, fragte Bryn.

„Ich betrachte dich als vertrauenswürdige Quelle“, erwiderte die KI freundlich. „Bitte gib mir eine neue Information C, die die alte Information B im Kontext A ersetzt. Sprich: Tausche B durch C im Kontext A.“

Bryn lächelte. „Danke! So einfach geht das? Also: Tausche Robbi mäht durch Kaktus steht im Liedtext, den du eben gesungen hast.“ 


Eine Millisekunde überlegte die KI. Dann begann sie erneut zu singen. 

„Mein kleiner grüner Kaktus …“


So muss es sein, dachte Bryn und sang mit. 

 Von Jan Gladzie (vielseitig.online) 

Tauschgegenstand

Ravioli

sollen getauscht werden und das Lied
"In the air tonight" von Phil Collins muss in der Geschichte vorkommen.

Auf gute Nachbarschaft


„I can feel it coming in the air tonight, oh lord…“ Die Ravioli waren vorbereitet, der Tisch gedeckt. Zur Musik ihres Lieblingssängers tanzte Clara durch die Küche und fieberte erwartungsvoll dem Blinddate mit Tim entgegen. Sie trat ans Flaschenregal, um den sündhaft teuren Primitivo zu öffnen und… Oh nein! Hatte sie den Wein etwa im Supermarkt stehen lassen?
 Clara schaute auf die Uhr: Gleich sieben. Da blieb ihr wohl nur der Gang zum neuen Nachbar. „Hi, ich wohne gegenüber, haben Sie eine Flasche Wein für mich?“ Na, das würde bestimmt ein starker Auftritt werden.
 Schnell füllte sie eine Portion Ravioli in eine Schüssel. Wenn sie schon keinen guten ersten Eindruck hinterlassen würde, wollte sie wenigstens etwas zum Tausch anbieten.
Die Türklingel ertönte.
 „Komme gleich!“
 Wow, diese Stimme! Clara bekam eine Gänsehaut und musste schmunzeln. Das sollte sie Tim vielleicht lieber nicht erzählen – zumal die Stimme nicht zu viel versprochen hatte!
 „Hi, Clara, also, äh, ich habe Ravioli gemacht.“ Sie streckte ihrem attraktiven Nachbar die Schüssel entgegen. „Möchten Sie, also, mir ist leider der Rotwein ausgegangen. Hätten Sie vielleicht eine Flasche? Die hier sind für Sie.“ Mein Gott, wie peinlich.
 Mit einem Schmunzeln drehte er sich um und verschwand wortlos hinter einer Tür. Sie hörte Schränke klappern und – leise Trommelschläge…
Als er zurückkam, war die Flasche in seiner Hand bereits entkorkt. „Wollen Sie den wirklich alleine trinken oder trinken wir vielleicht lieber gemeinsam?“
 In diesem Moment erklangen im Hintergrund die ersten Akkorde von Phil Collins’ „In the air tonight“ und es traf Clara wie ein Blitz.
 Ihr Nachbar streckte die Hand aus. „Ich bin übrigens Tim“, sagte er lächelnd. 

 Von Anna Trenkwald  (www.annatrenkwald.de)

Tauschgegenstand

Arbeitsplatz

Der Wecker meines Vaters


 Ich erinnere mich noch genau an den Tag zurück, an dem mir meine Mutter den Wecker meines Vaters schenkte. Sie hatte das morgendliche Geschimpfe satt und tauschte ihn anstelle ihrer mütterlich-fürsorglichen Aufgabe, mich in aller Frühe zu wecken. Der Wecker verstummte von nun an auf mein Wort. Was ich nicht alles für Schimpfwörter in den kommenden Jahren für ihn entwickelte! Doch irgendwie liebte ich meinen Freund auf dem Nachttisch. Er tickte geräuschlos all die Jahre weiter und ich dankte es ihm, indem ich regelmäßig die Batterien tauschte.
Die Zeit verging und ich schlief nicht mehr allein. Doch zu jener Zeit ließ ich meine Frau morgens weiterschlafen. Sie musste Kraft schöpfen. Und auch in der Zeit, als mich mein nächtlicher Weggefährte täglich etwas früher wecken musste, damit ich meine Frau im Krankenhaus besuchen konnte, tat er zuverlässig seine Dienste. Bis meine Liebste mit meiner kleinen zuckersüßen Tochter nach Hause kam. Mein Wecker hatte sich danach eine kurze Auszeit verdient und ich tauschte ihn gerne vorübergehend gegen die gut hörbaren Babyrufe ein.

Von Marco Plate ( marco-plate.de

Tauschgegenstand

Notizbuch

 

Gegen was wird es getauscht? 

Der Zauber


Gegen gelesene Lektüre
Bekam ich ein Notizbuch zum Tausch
Ich wollte was reinschreiben
Und verfiel in einen Rausch

Die ganze Nacht hindurchgeschrieben
Waren alle Seiten voll
Und das, was ich da schrieb
Fand mein Verleger toll

Ich tippte alles fein
Auf meiner Schreibmaschine
Und als Buch zum Verkauf
Stands bald in der Vitrine

Das Notizbuch derweil
Der Tausch - als Info nebenbei
War wieder leer und unbenutzt
Das war wie Zauberei

Von Steffi Lofeldt